Wenn nichts mehr geht… geht immer noch was

Wenn nichts mehr gehtLaufen ist genial, Laufen ist Erholung und Laufen macht Spaß. Aber es gibt Tage, da hat der Spaß Urlaub. Einen dieser Tage durfte ich vor 14 Jahren mal bei einem Lauf in der Oberlausitz erleben. Es war warm, sehr warm, und es war trocken, sehr trocken… 20 Kilometer waren das Wettkampfziel. Die ersten Kilometer erstreckten sich über ein leicht hügliges Gelände, Flachlandtiroler bezeichneten es aber schon als bergig. Nach ca. 8 Kilometern ging es eine steile Erhebung hoch, die kein Ende nehmen wollte. Noch viel steiler war allerdings der Abstieg. Danach weiter wellig, um bei einem weiteren Anstieg die letzten Kräfte zu mobilisieren. Der Rest ging nur noch bergab. Dies waren und sind also die Fakten.

Die sengende Hitze drückte am Start gnadenlos auf uns nieder und natürlich gab es nirgendwo Schatten, warum auch? Wie so oft gab es wieder eine Ansprache von irgendeiner wichtigen Person, niemand verstand was, keiner hatte Interesse, und trotzdem klatschen alle zum Schluss. Ein Ritual, welches so oder ähnlich bei vielen Volksläufen zu beobachten ist. Dann endlich der Startschuss, die erste Runde ging um einen Sportplatz. Durch die Trockenheit stieg sofort eine große Staubwolke in die Luft. Ich fühlte mich wie im wilden Westen, inmitten von Rindern, die nur eines wollten… Ja, aber hier waren es Läufer in den verschiedensten Altersklassen, die ihre eigenen Ziele verfolgten. Eines dieser Ziele könnte mit hoher Wahrscheinlichkeit gewesen sein: Wie mache ich mich auf den ersten Metern komplett kaputt, um den Rest der Strecke mit der Zunge auf dem Boden schleifend das Ziel zu suchen. Um es sachlich zu sehen, es wurde einfach zu schnell begonnen. Dies war aber noch nie wirklich mein Ding, und so reihte ich mich erstmal im hinteren Teil des Lauffeldes ein. Und siehe da, schon nach der Sportplatzrunde durfte ich Sportler überholen, die eigentlich rein optisch schon mit der Welt abgeschlossen hatten.

Der Spaß beginnt…

Weiter ging es auf Straßen, Wald- und Feldwegen. Schon nach einem Kilometer waren einigen Läufern die Strapazen anzusehen; in deren Haut hätte ich nicht stecken wollen. Immerhin lagen noch 19 Kilometer vor uns. Langsam steigerte ich mein Tempo, und Platz für Platz ging es nach vorn. Auch wenn es sehr warm und Schatten nicht vorhanden war, lief es gut. Und trotzdem sieht Spaß anders aus. Ich konnte eine bestimmte Leistung abrufen, aber wirklich Freude und gute Laune wollten nicht aufkommen. Mein Körper und Geist funktionierte, mehr aber auch nicht. Irgendwie wollte ich die Sache so schnell wie möglich erledigt haben und wurde immer schneller. Leistungstechnisch kein Problem, bis auf einmal die Wand vor mir war. Ein Anstieg, der in einen Wald führte, und ein Ende des Mount Everests war nicht zu erkennen. Es war ungewiss, wie lang der Anstieg war, links, rechts, vor und hinter mir wurde geflucht. Und manch einer bereute lautstark seinen Entschluss, am Morgen sein gemütliches Bett verlassen zu haben.

Langsam wurde es für mich körperlich anstrengender, und es ging volle Kanne in Richtung roter Bereich. Spaß empfand ich logischerweise immer noch keinen, und meine Hoffnung lag nur darin, dass wir sind in der Lausitz waren, und es dort keine unendlich hohen Berge gibt. Aber liebe Leserschaft, glaubt mir, auch hier in der Lausitz können Anstiege unendlich sein, wenn man sich von der Ausdauer her langsam aber sicher in Richtung Limit bewegt. An Laufen, Rennen oder was auch immer war nicht mehr zu denken; es wurde gewandert oder irgendwie versucht, den Anstieg zu erklimmen. Und nach einer gefühlten Ewigkeit war das Ende des „Bergriesen“ erreicht. Wer jetzt dachte, es wird ruhiger, oder es gibt ein flaches Stück, um den Puls wieder in normale Gefilde zu locken, wurde leider enttäuscht. Denn von jetzt auf gleich ging es noch viel steiler und unwegsamer bergab. Eine riesige Wiese mit einem gefühlten Gefälle von 60 Prozent (es waren sicherlich etwas weniger) und unglaublich vielen und wirklich großen Steinen war im Vollgas zu überwinden. Bergablaufen kann erholsam sein, muss aber nicht. In diesem Fall war jeder Auftritt wie das Russische Roulette. Umknicken oder durchhalten, Fußbruch, Beinbruch oder gleich das Genick? Nichts konnte mich stoppen, und ich erreichte fertig aber gesund das Tal. Wobei das Wort gesund relativ ist, denn gesund war das, was wir da gemacht haben, schon lange nicht mehr. Und damit war erst die erste Hälfte des Rennens geschafft.

Die Hitze, die nicht vorhandene Lust und das harte Training der letzten Wochen hatten meinen Körper geschwächt, und ich bewegte mich nun auch am körperlichen Ende, an einem Punkt, an dem es nicht mehr weitergehen soll. Aber meine Beine trugen mich immer weiter und weiter. Ein Punkt, an dem man dem Kopf und seinem Gedankenfasching die Macht übergibt und sagt: Mach mich fertig. Ich stehe darauf und beuge mich Deiner Macht und gebe auf. Oder aber man schaltet oben alles aus und funktioniert nur noch. Über die vielen Jahre als Läufer habe ich das zweite gelernt. Ich kämpfte mich von Kilometer zu Kilometer, durfte weiter Läufer überholen, denen es nicht viel besser erging als mir. Logischerweise hatte ich keinen Spiegel dabei, aber wenn ich so ausgesehen haben sollte wie einige Laufkollegen, die ich da überholt hatte, dann wäre ich wahrscheinlich freiwillig in den nächsten Anstaltsbus gesprungen und hätte mich in die Klapsmühle fahren lassen. Auch wenn ich mein Spiegelbild nicht sah, ich fürchte, ich sah wirklich nicht viel besser aus.

Der Gedanke, dass noch ein Anstieg folgt, war komplett ausgeschalten. Stück für Stück ging es irgendwann wieder bergauf. Keine Gedanken mehr, nur noch laufen. Alle Muskeln schmerzten, der Bauch krampfte, Schweiß lief in Wasserfällen aus jeder irgendwo vorhandenen Pore meines Körpers. Streckenposten mit etwas überproportional großen Bäuchen schauten ungläubig auf das Geschehen und verstanden das Gesehene nicht wirklich. Und ehrlich, wer kann es ihnen denn verübeln? Die Selbstzerstörung war im vollen Gange, einige hatten schon lange die Segel gestrichen und sich für das Abbrechen des Rennens entschieden. Und irgendwann wie in Trance war der letzte Anstieg erreicht. Nur noch 3 Kilometer bis zum Ziel, alles auf Asphalt und bergab. Und von jetzt auf gleich ohne Vorwarnung war er wieder da, der Geist funktionierte wieder. Links und rechts ein Blick auf die Schönheit der Natur, Zuschauer und Streckenposten wurden angelächelt und Mitläufer motiviert. Als ob nie etwas gewesen wäre ging es in stürmischem Laufschritt ins Ziel. Mit einem Lächeln auf den Lippen wurden die 20 Kilometer gefinisht und schon kurz darauf mit anderen Sportlern das Rennen ausgewertet. Das Fazit war fast immer gleich: War ganz schön anstrengend, aber so schlimm war es dann doch wieder nicht und überhaupt, was soll das Gejammer. Kommt Euch das in ähnlicher Form vielleicht bekannt vor?


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Mein Name ist Heiko Wache und ich bin 45 Jahre alt. Ich bin zertifizierter Laufcoach, Personal Trainer und Fitnesstrainer-B. Mein beruflicher Weg gilt dem Sport als Personal Trainer mit dem Spezialgebiet Lauftraining. Weitere Informationen zu meinem Personal Training, der Online-Trainingsbetreuung und zum Laufen und der Fitness im Allgemeinen können sehr gern erfragt werden. Ihr findet mich natürlich auch auf: Facebook, Twitter und Google+.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Ja, das kenn ich.Sehr gut sogar und am Ende ist es immer toll. Mich packt es beim Rennen immer. „Entspannt“ würde mir bei einem Wettkampf sehr schwer fallen.
      Super geschrieben, habe mich darin total wieder gefunden.

      Lg Kathleen

      • Naja, am Anfang darf es ruhig noch entspannt sein 🙂 Aber wer im Wettkampf was erreichen will muss auch mal an die eigenen Grenzen gehen und manchmal diese etwas verschieben 🙂

  1. Moin Heiko,

    sehr spannend beschrieben. Gefällt mir. Ich kann so viele deiner Gemütszustände nachvollziehen. Ich habe auch so meine „Probleme“ mit „Bergen. Deswegen nehme ich sie jetzt verstärkt in Anspruch. Auch wenn das hier im Norden eher schwierig ist… Ich finde es zudem immer spannend, wenn ich einen Lauf im nachhinein nochchmal in Gedanken durchgehe und mir die unterschiedlichen Gemütszustände vor Augen führe.
    Wie du es beschreibst, am Ende war alles immer doch nicht so schlimm und viel mehr möglich als ich zwischendurch dachte 🙂
    Glückwunsch!

    • Hallo Alex,
      vielen Dank für Dein Kommentar. Damit habe ich gleich einen für mich noch unbekannten und interessanten Blog kennengelernt. Es ging mir in dem Bericht tatsächlich weniger um die Berge, mehr um die Anstrengung. Und es gibt Läufe die Laufen einfach und dann gibt es eben Tage da geht es nicht so einfach. Das macht die Lauferei aber in meinen Augen auch so spannend.

  2. Ja, Heiko, ich kann das sehr gut nachvollziehen, was du schreibst. Wobei ich eher zu der Sorte Läufer gehöre, die versuchen (es klappt leider nicht immer) rechtzeitig einen Gang herunterzuschalten, um überhaupt gesund ins Ziel zu kommen. Aber nach den ersten Kilometern schon zu schleichen, wie du es von einigen beschreibst, zeugt eben doch von sehr wenig Lauferfahrung. Denn man sollte sich schon bei hohen Temperaturen von seinem ursprünglichen Lauftempo verabschieden. Wer es nicht tut, wird nicht weit kommen…

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